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Pflegepolitik auf dem Irrweg: Blitzumfrage Topmanagement Pflegewirtschaft

Morgen beginnt der diesjährige Deutsche Pflegetag. Die Bundesminister Spahn, Heil und Giffey, zuständig für die Konzertierte Aktion Pflege (Foto), werden am Eröffnungstag Rede und Antwort stehen. sgpREPORT hat vorab in einer Blitzumfrage namhafte Vorstände mit gehöriger Marktrelevanz befragt - trägerschaftsübergreifend. Das Ergebnis: Die Politik diskutiert oftmals an den Erfordernissen derjenigen vorbei, die die Langzeitpflege in Deutschland vor Ort sicherstellen. Beispiel: Die starre Fachkraftquote ist komplett durchgefallen.

Die pflegepolitische Debatte hat mächtig an Dynamik gewonnen. Insbesondere die Fragen zur Einführung eines allgemeinverbindlichen Tarifs, der Fachkraftquote sowie das zum Teil massive Ansteigen der Eigenanteile der Bewohner stehen hier aktuell im Zentrum. Weichenstellungen sollen aus den Beratungen der Konzertierten Aktion Pflege zu erwarten sein, deren Auswirkungen die Pflegeunternehmen direkt betreffen werden.

In einer kurzfristig in der Faschingswoche erhobenen Blitzumfrage machen die Unternehmer, die die Langzeitpflege in Deutschland vor Ort sicherstellen, ihre Einschätzung der aktuellen Entwicklung deutlich.

Ausführliche Antworten liegen von 24 Unternehmensvorständen und Geschäftsführungen vor, die in der Summe für rund 130.000 Mitarbeitende verantwortlich sind und ihre differenzierten Angebote an rund 160.000 Menschen mit Betreuungs- und Pflegebedarf richten. Trägerschaft: Diakonie, Caritas, privat, paritätisch und kommunal.

Hier einige Ergebnisse aus der Umfrage, mehr dann im sgpREPORT-Print:

1. Personal-Mix, Fachkraftquote

91% der Pflegeunternehmer sind davon überzeugt, dass die starre Fachkraftquote von 50% keine entscheidende Voraussetzung für gute Pflegequalität ist. 85% sind sogar davon überzeugt, dass sie zum Versorgungsnotstand in der Pflege beiträgt.

Viel wichtiger sei ein bedarfsgerechter Qualifikations-Mix in stationären Einrichtungen:

79% wollen die Möglichkeit haben, „mehr Hände“ zu beschäftigen, also die Gesamtzahl der Mitarbeiter ohne Berücksichtigung der 50%-Quote zu erhöhen. 80% sind überzeugt, ein kompetenzorientier Einsatz mache den Fachkraftberuf attraktiver (weniger grundpflegerische Aufgaben für Fachkräfte). 75% befürworten, dass mit höherer Kompetenz und mehr Verantwortung für qualifizierte Pflegekräfte eine angemessene Gehaltsentwicklung einhergehen sollte (Gehaltsspreizung ermöglichen).

2. Entlohnung: Heils Vorhaben geht an der Realität vorbei

88% haben in den letzten beiden Jahren die Fachkraftgehälter bereits angehoben, unabhängig von der Diskussion um die Einführung eines allgemein verbindlichen Tarifs; hier reicht die Spanne der Erhöhungen von 6 bis zu 20%, Mittelwert etwa 10%. Viele haben angemerkt, dass der derzeitige Arbeitsmarkt vor Ort bereits für eine steigende Gehälter von Pflegefachkräften sorgt.

Daher lehnen 83% das Ansinnen von Minister Heil zur Einführung eines allgemeinverbindlichen Pflegetarifs ab - unabhängig von der Trägerschaft des Unternehmens. Bei etwa 50:50 liegen sowohl die Einschätzung zur Festlegung eines Mindestlohns für Fachkräfte durch die Mindestlohnkommission als auch der Abschluss von Haustarifverträgen und die Regelungen nach dem Dritten Weg bzw. den bpa-AVR . Wie gesagt: Es gibt namhafte Stimmen, die feststellen: "Alles überflüssig, wir zahlen das, was vor Ort erforderlich ist, um unsere Leute zu halten und neue zu gewinnen." Auch wird die Möglichkeit genutzt, mit innovativen unternehmensinternen Boni-Systemen zu arbeiten.

3. Neuausrichtung der Pflegeversicherung / steigende Eigenanteile

Die aktuelle Debatte zu den steigenden Eigenanteilen der Bewohner läuft heiß; es ist gerade vor den vier anstehenden Landtagswahlen sozialpolitischer Sprengstoff. Alle befragten Unternehmen haben in den vergangenen zwei Jahren die Eigenanteile der Bewohner spürbar angehoben. Zunehmend schwindet das Verständnis der Bewohner und ihrer Angehörigen dafür.

Eine Mehrheit von 73% ist der Meinung, die Neuordnung der Finanzierung von Langzeitpflege, bei dem das Risiko unzweifelhaft steigender Kosten nicht mehr im Eigenanteil aufgefangen werden muss (z.B. Sockel-Spitze-Tausch), sollte zügig dringend erfolgen. 26% halten das für nicht machbar und setzen auf eine mittelfristige Lösung.

100% der Pflegeunternehmer fordern: "Wenn die pflegepolitischen Maßnahmen dazu führen, dass Kosten für die Unternehmen steigen, muss immer auch gleichzeitig die Refinanzierung dieser Mehrkosten geklärt werden." Sie sehen hier ein klares Versäumnis der Politik, die mit einer Fülle von Einzelmaßnehmen das große Ganze aus dem Auge verliert.

4. Attraktivität des Berufsfeldes Pflege

Zur Erhöhung der Attrraktivität des Berufsbildes Pflege gab es eine Vielzahl von Vorschlägen, Anregungen und Einschätzungen, die wir in der Zusammenstellung im Magazin des sgpREPORT zusammenstellen werden. Sicher, eine verlässliche Dienstplangestaltung gehört bei fast allen dazu. Es gab aber auch Stimmen die deutlcih machten, dass die steigende Ausbildungszahlen faktisch ein negativ empfundenes Image der Pflege aushebeln. So schlecht, wie oft dargestellt, könne die Situation ja nicht sein...

Nun dürfen wir gespannt sein, was uns die Bundesminster Spahn, Heil und Giffey zur Eröffnung des Deutschen Pflegetags 2019 aus den KAP-Beratungen mitbringen werden. Hoffentlich mehr als das, was der Altenhilfe-Experte Prof. Thomas Klie erwartet: "Das sind nur Reparaturen im Maschinenraum der Pflegeversicherung. Eine anzustrebende Vision von der Pflege der Zukunft ist in den KAP-Beratungen nicht zu erkennen."

Holger Göpel

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